Ole Frahm / Friedrich Tietjen

 

Kleine Theorie der Tüten

 

»NICHTS im leben geht ohne VERPACKUNG. Frühgeburten kommen in den brutkasten, tote in den sarg oder body bag. In diesen zeiten werden kinder ermahnt: ›Pack dich warm ein! Es ist kalt draussen.‹ Das auto ist eine blechdose, die von der einen zur anderen verpackung befördert. Gewährt solche verhüllung den verpackten noch schutz gegen die unbilden der umwelt, so ist diese FUNKTION bei den waren des supermarktes weitgehend verschwunden. Die verpackung ist AUFRUF zur BENUTZUNG des verpackten. Sie fordert ihre eigene ZERSTÖRUNG!«1

Selbst wer den drastischen Ton der anonymen AutorInnen nicht teilen mag, wird anerkennen, dass sie in der Sache recht haben: Nichts im Leben geht ohne Verpackung, nichts jedenfalls in den durch ihre Konsumtionssphäre geprägten Gesellschaften und kaum etwas im Rest der Welt. Verpackung ist ubiquitär und omnipräsent, proteēsch sind ihre Formen, sie umhüllt Blumen, Spielzeug, Bier, Zement, Marmelade, Maschinen, kurz: praktisch jede erdenkliche gegenständliche Ware. Setzt man als ihren Ursprung den Handel, so war sie schon in ihren Anfängen mehr als nur sinnreicher Schutz vor Beschädigung und Erleichterung des Transportes: Siegel und Plomben bezeugten seit der Antike die Herkunft der Waren, während die Verpackungen selbst zuweilen mit Stempeln ihre Hersteller und damit nicht zuletzt ihre eigene Warenförmigkeit auswiesen. Dass Verpackung bis heute diese Qualitäten nicht verloren hat, macht neben jedem Besuch im Supermarkt auch das seit einigen Jahren zunehmende Interesse an ihrer Endgestalt deutlich. Zerstört und verbraucht wird sie als Müll neuerlich zur Ware und zwischen verschiedenen Recycling-Unternehmen verhandelt, um als Sekundärrohstoff wieder in den Warenkreislauf einzutreten, in Verbrennungsanlagen Wärme und mehr oder weniger giftige Gase zu produzieren oder, in alle Welt exportiert, auf Deponien zu verrotten.

Nichts im Leben geht also ohne Verpackung – und, so ließe sich hinzufügen, wenig im Leben geht ohne Plastiktüten. Ebenso gegenwärtig wie die Pappschachteln, Cellophanbeutel, Blechdosen und PET-Flaschen als Verpackungen des Konsumbedarfs, lassen sie sich doch mit diesen ihrer eigentümlichen Doppelfunktionen wegen nicht bruchlos in eine Reihe stellen: Gleichzeitig Verpackung ohne Ware und Verpackung aller Waren, markieren sie als Tragetaschen deren Eintritt und als Müllbeutel oft genug deren Austritt aus der Sphäre der  Konsumtion. Mehr noch: Wenn die KonsumentInnen nach Hause gehen, realisiert sich mit den Plastiktüten nicht nur für sie ein Gebrauchswert, sondern auch für die Händler: Aufdrucke werben für den Einkauf und für die Geschäfte vom Plattenladen bis zur Kaufhauskette. Und noch ein drittes: Als Gegenstand der Massenkultur erfuhren die Plastiktüten mannigfache Umnutzungen – über ihren vorgesehenen Zweck im engeren Sinne hinaus haben KundInnen, Obdachlose, SammlerInnen und Kriminelle für sie eine Reihe von Anwendungen erfunden, die die Hersteller kaum je intendiert hatten. Diese drei Momente, Nutzungen und Umnutzungen der Tüten, sollen im folgenden näher bestimmt werden.

Als ephemerer Gebrauchsgegenstand kurzlebig und dauerhaft, auffällig und beiläufig, zweckorientiert und verfremdbar, nützlich und gefährlich gleicht die Plastiktüte der Mode, auf deren prognostische Qualitäten Walter Benjamin aufmerksam machte: »Das brennendste Interesse der Mode liegt für den Philosophen in ihren außerordentlichen Antizipationen. [...] Jede neue Saison birgt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimen Flaggensignale der kommenden Dinge. Wer sie zu lesen verstünde, der wüsste im voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen.«2 Eine kleine Lektüre der Tüten, ihre theoretische Bestimmung als Figuren der Warenästhetik und jenseits der Warenästhetik, mag in ihnen weniger die Gesellschaftsordnungen künftiger Zeiten vorhersehen, als vielmehr den Blick auf die oberflächlichen Medialitäten des Alltags lenken, wodurch vielleicht diesem innewohnende Möglichkeiten zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse selbst sichtbar werden.

 

Figuren der Warenästhetik – Nutzungen der Tüte

 

Verpackung

Wer mit Tüten aufgewachsen ist, benutzt sie als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Natur. Zu lernen an Wissen und Tricks ist dabei wenig: dass die knistrigen durchsichtigen Tüten aus der Obst- und Gemüseabteilung kaum stabil genug sind, um schwere Flaschen und Gläser darin zu tragen. Dass zwei ineinander gesteckte Plastiktüten mehr Gewicht aushalten können. Dass sie an der Kasse keines Supermarktes je ausverkauft sind und es deshalb jederzeit möglich ist, während der Ladenöffnungszeiten und ohne weitere Vorbereitung des späteren Transportes spontan einkaufen zu gehen. Nur der Geldbeutel als ihr grimmes antagonistisches Pendant (denn auch Geld ist eine Ware, die der Verpackung bedarf) limitiert, was und wieviel erworben und in Tragetaschen verstaut davon getragen werden kann. Das Sortiment der Märkte erlaubt dabei eine schier unendliche Zahl an Variationen: Nur selten wird der Einkauf eines Kunden identisch sein mit dem eines anderen. Das Transportband vor den Kassen ist der Laufsteg, auf dem die KonsumentInnen einander und den KassiererInnen ihre neuesten Kollektionen vorführen. Wenn die KäuferInnen nach der Kür der Auswahl und der Pflicht des Zahlens bepackt das Geschäft verlassen, hängen an ihren Händen Plastiktüten, die kaum voneinander zu unterscheiden sind: Beulen, Falten und Volumen verraten wenig vom Inhalt der Tüten, die sich äußerlich in Umriss, Material und Aufdruck gleichen wie ein Ei dem anderen.

Obwohl ihr integraler Bestandteil, sind Verpackungen den Waren äußerlich und ablösbar: Einerseits verhindern, andererseits ermöglichen sie deren Konsumtion. Erst in ihrer Öffnung, also bei ihrer Zerstörung wird das Verpackte zugänglich.3 Die Verpackung kann dabei ihren Inhalt und dessen Gebrauchswert auf verschiedene Weise nach außen vermitteln – nicht nur, indem sie ihn abbildet: »verpackung täuscht und enttäuscht. sie hält anderes als sie verspricht. aus der konservendose fällt ein gelatinierter zylinder mit sardinen und herz und nicht die possierliche katze, die sich auf der banderole reckt; aber wer hätte das erwartet. verpackung spielt in dem durch werbung und zeichen hergestellten antialltag mit allen konsumierenden. sie führt ihnen stilisiert jede ware als notwendig für das individuelle glück zu. alle wissen um den unsinn dieses glücksversprechens; gekauft wird nicht die erfüllung, sondern der geschmack des glücks.«4 Mit anderen Worten: Der von der Verpackung versprochene Gebrauchswert der Waren muss nicht notwendig etwas mit ihrem konkreten Gebrauchswert zu tun haben, was auch für ihre Herstellung Konsequenzen hat: »Bei aller Warenproduktion [wird] ein Doppeltes produziert: erstens der Gebrauchswert, zweitens und extra die Erscheinung des Gebrauchswertes.«5 Im Rahmen einer Warenästhetik ist diese Erscheinung genauer zu bestimmen.

 

Versprechen

Das Auseinandertreten von Ware und Verpackung lässt auch erklärlich werden, warum die Tüte einerseits als Verpackung ohne spezifische Ware auftritt und sie andererseits außen fast nie für ihren eigenen Gebrauchswert, selten für den einzelner anderer Waren, aber um so häufiger für und mit Markennamen wirbt. Indem sie Allgemeines, nicht Besonderes verpackt, formiert sie in doppelter Hinsicht einen utopischen Raum. Zum einen nimmt ihr kontingenter und stets verschiedener Inhalt die Möglichkeiten ihrer Umnutzung, ihres produktiven Missbrauchs vorweg; zum anderen trägt jede gefüllte Einkaufstasche in sich das Potential aller möglichen Waren und ihrer Gebrauchswerte. Diese Utopie findet sich als Versprechen auf einer Plastiktüte aus den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren. Sie zeigt eine freundlich lächelnde Figur, die metaphorisch für die so beworbene Einzelhandelskette als »Ihr großer Freund« steht. Die Figur hält den BetrachterInnen mit der einen Hand einen Erdball mit den je regional erzeugten Produkten entgegen, mit der anderen wird diese Überfülle präsentiert: statt wie einst sprichwörtlich in einer Nußschale lässt sich die Welt heute in einer Plastiktüte unterbringen. Das Tütenbild verspricht der ganzen Welt die ganze Welt: »Ein Gleichnis für den Alltag der Utopie?«6

Von Bedeutung ist in diesem Kontext auch das Material. Die seit Jahrzehnten umgangssprachliche Bezeichnung »Plastiktüte« lässt erkennen, dass an der Tragetasche nicht ihr konkreter Werkstoff Polyäthylen wahrgenommen wird, sondern eine ganze Materialgruppe, die als Kunststoff bekannt in vielen verschiedenen Varianten seit dem neunzehnten Jahrhunderts verarbeitet wird und spätestens seit den fünfziger Jahren für alle erdenklichen Zwecke Anwendung findet.7 Diese Universalität stieß allerdings insbesondere in der Bundesrepublik nicht nur auf fortschrittsgläubigen Enthusiasmus, sondern auch auf viel Skepsis. Ausgehend davon, dass sich der Charakter von Materialien an ihren Widerständen bei der Formgebung von Gegenständen ablesen lässt, bemerkte der seinerzeit als Werkbundvorsitzender und Designer von Konrad Adenauers Schreibtisch bekannte Architekt Hans Schwippert 1952: »Jetzt aber kommen auf uns Stoffe zu, die diese Form von Charakteren nicht mehr haben. Was da an neuen Stoffen vor uns steht, ist in einem Maße will=fährig uns gegenüber, wie wir das bisher nicht gekannt haben. [...] Die Stoffe bringen gar keine spezifischen, strengen Charaktere auf uns zu, sondern sie sagen: Bitte schön, du bist der Herr, ich bin der Diener, ich tue völlig, was du willst.«8 Wenn dabei implizit der Vorwurf der Charakter- und Wesenlosigkeit der Kunststoffe anklingt, mischt sich ein Nachhall der vom Nationalsozialismus ideologisch gepflogenen Vorliebe für harte und vermeintlich natürliche Materialien wie Kruppstahl und Leder hinein.

Zusammen mit seiner Modernität und alltäglichen Präsenz waren es genau diese Qualitäten, die nicht allein Plastik im allgemeinen, sondern auch Folien und Tüten für jene künstlerische Strömungen interessant erscheinen ließen, die serialisierte und massenhafte Produktionsweisen von Konsumgegenständen für die Herstellung von Kunst anwandten. Wenn Joseph Beuys 1969 für die Organisation für direkte Demokratie Plastiktüten mit Aufdrucken entwarf, die Diagramme seiner Vorstellungen einer besseren Gewaltenteilung zeigten, bleibt deren Inneres ein Raum, der seiner Entfaltung harrt. Methodisch anders betonte auch Andy Warhol den utopischen Gehalt der Plastiktüte: Als silbern beschichtete und mit Helium gefüllte Clouds schwebten sie 1966 durch die Leo Castelli Gallery – eine Überlegung des Künstlers, sie durch die geöffneten Fenster davon fliegen zu lassen, wurde nicht realisiert.9 Indem in beiden Fällen virtuell alles und praktisch nichts verpackt wurde, trat an der Tüte eine Eigenschaft ganz besonders hervor: ihr medialer Charakter.

 

Urbanes Medium

Die Tüte ist ein städtisches Medium. Der Bedarf an Tüten war in den dörflichen Gemeinschaften eher gering. Der Eigenbedarf konnte zum großen Teil Feldern, Gärten und Ställen abgewonnen, von fahrenden Händlern oder in den kleinen Läden am Ort erworben werden; darüber hinaus gehende Bedürfnisse ließen sich bei gelegentlichen Reisen in die nächste Stadt befriedigen. In den urbanen Ökonomien sind die Möglichkeiten der Selbstversorgung reduziert. Der tägliche Bedarf muss von dem Geld gekauft werden, das die Arbeit als Lohn einbrachte. Damit sich die Massen der Erwerbstätigen versorgen können, musste einerseits massenhaft produziert und andererseits die Masse der Produkte für den individuellen Konsum zugerichtet werden. Diese Aufgabe wurde vor allem mit Hilfe der Verpackung oder genauer: der Einzelverpackung, erfüllt, die im Laufe der Zeit immer früher mit der Ware in Verbindung trat. Wurden in den Geschäften des neunzehnten Jahrhunderts die Spitztüten zunächst ad hoc gerollt, um die abgewogenen oder -gezählten Waren aufzunehmen, verfügten die Läden bald über verschiedene vorproduzierte Verpackungen, später über selbst vorverpackte Waren, bis endlich die Verpackung gleich von deren Produzenten besorgt wurde und in den Supermärkten fast ausschließlich Schachteln, Dosen, Päckchen und Tüten mit maschinell genau abgemessenen Quantitäten angeliefert und verkauft werden, um in Tragebeuteln individuell nach Hause gebracht zu werden.10 Damit sind zugleich entscheidende Momente der Kapitalbewegung in den letzten zwei Jahrhunderten benannt, die Karl Marx in ihren grundsätzlichen Zügen beschrieben hat: »Die kapitalistische Produktionsweise vermindert die Transportkosten für die einzelne Ware durch die Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel wie durch die Konzentration des Transports. Sie vermehrt den Teil gesellschaftlicher Arbeit, lebendiger und vergegenständlichter, der im Warentransport verausgabt wird, zuerst durch Verwandlung der großen Mehrzahl aller Produkte in Waren und sodann durch die Ersetzung lokaler durch entfernte Märkte. Das Zirkulieren, d. h. tatsächliche Umlaufen der Waren im Raum löst sich auf in den Transport der Ware. Die Transportindustrie bildet einerseits einen selbstständigen Produktionszweig, und daher eine besondere Anlagesphäre des produktiven Kapitals. Andererseits unterscheidet sie sich dadurch, daß sie als Fortdauer eines Produktionsprozesses innerhalb des Zirkulationsprozesses und für den Zirkulationsprozeß erscheint.«11

Ohne die Verpackung im allgemeinen, ohne die Tüte im besonderen ist dieses Zirkulieren als der Transport der zu Waren gewordenen Produkte undenkbar. Schafft die Verpackung in Spitztüten und anderen Behältern die Voraussetzungen für die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion12, so ist die Plastiktüte das Vehikel, mit dem die Ware das letzte Stück Wegs in Richtung ihrer Konsumtion zurücklegt. Die sich ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelnde Verpackungsindustrie ermöglichte die Erschließung und Definition neuer Konsumentenschichten und verteuerte die ihnen angebotenen Produkte – eine Verteuerung, die den Konsumenten durchaus als Verbilligung erscheinen kann, weil für die lokalen Kleinproduzenten mit ihren viel kleineren Märkten neben absolut höheren Produktions- auch relativ höhere Transportkosten anfallen können: Massenproduktion und Massenimport machen Äpfel aus Südafrika billiger als die vom Bauern vor den Toren der Stadt.

Das ist eine der großen Leistungen kapitalistischer Produktionsweise: den Transport zu verbilligen und dafür gleichzeitig neue Transport- und Kommunikationsmittel zu erfinden. Das wurde zum einen möglich, weil die Transportsphäre für das produktive Kapital interessant war, so dass enorme Investitionen getätigt wurden, Investitionen, die sich nicht in allen Fällen rentierten: Das Desaster der Neuen Märkte in den späten neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat seine Vorläufer in den Eisenbahnspekulationen Mitte des 19. Jahrhunderts. Andererseits ist bekannt, dass die Tütenindustrie sich nur durchsetzen konnte, weil sie in ihren Anfängen in besonderer Weise die lebendige Arbeitskraft ausbeutete, nämlich die von Waisenkindern, den Insassen von Arbeitshäusern und schließlich von Gefangenen, die gezwungen waren, Tüten zu kleben, um überhaupt minimale Geldmittel zu erwerben. Die Profitrate der Unternehmer war entsprechend hoch. Doch solange die Spitztüten auch in der Verpackungsindustrie manuell hergestellt wurden, griffen viele Einzelhändler auf noch billigere Arbeitskräfte zurück: Sie ließen ihre Lehrlinge während deren Ausbildung Tüten kleben.13 Erst mit den um 1875 entwickelten Maschinen zur automatischen Produktion von Tüten wurden diese billiger als die von Hand gefertigten.14 Die Lehrzeit konnte verkürzt werden, für die Kinder wurden andere Erziehungs- und Beschäftigungsmethoden entwickelt, und die Arbeitshäuser wurden abgeschafft. Allein die Gefangenen wurden nicht aus ihrer Fron entlassen: Noch heute werden in manchen Strafanstalten Tragetaschen in Handarbeit hergestellt.15

 

»Minderwertig«

Schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war das Tütenkleben umgangssprachlich zum Synonym für Gefängnishaft geworden. Ins Zwielicht geriet damit nicht nur ihre Produktion und in der Folge die Tätigkeit in der herstellenden Industrie, sondern auch die Tüte selbst. Versuche, dem abzuhelfen, zielten allerdings nicht auf eine Änderung der Produktionsbedingungen, sondern auf die Terminologie: Als 1942 ein aus verschiedenen Behörden und Institutionen zusammengesetzter Berufsausschuss über einen neuen Anlernberuf verhandelte, wurde einhellig gegen den Begriff »Maschinentütenkleberin« votiert – zum einen wurde argumentiert, dass die Tüten gegenüber den Beuteln einen geringeren Anteil an der Gesamtproduktion ausmachten; zum anderen aber fürchtete man, dass der Terminus von der Produktion in Gefängnissen und Zuchthäusern zu belastet sei. Als neue Berufsbezeichnung wurde deshalb »Maschinenbeutelkleberin« beschlossen. So wurden die Tüten zu Beuteln, um für die papierverarbeitende Industrie den Nachwuchs zu sichern.16

Diese Anekdote über Sprachregelungen besäße keine weitergehende Bedeutung, wenn sie nicht ihren historischen Ort im Dritten Reich hätte. Der Nachwuchs, der 1942 gesichert wurde, arbeitete schon unter reglementierten Bedingungen. Im selben Jahr wurde die Herstellung von Einkaufs- und Handtaschen aus Papier ausdrücklich verboten, es sollten nur noch »kriegswichtige und -entscheidende Papier- und Pappeprodukte« hergestellt werden17: Tüten trugen nichts zum Endsieg bei. Gemeinhin wird der Rückgang und das Verbot der Tütenproduktion allein auf den Mangel an Rohstoffen zurückgeführt. Warum aber wurde die Produktion von »Tragetaschen, Tragbeutel und Grammophonplatten-Taschen« schon »nach 1936 (mit Beginn des 1. Vierjahresplans) eingestellt«18? Eine von dem Historiker und Tütensammler Heinz Schmidt-Bachem paraphrasierte Diskussion lässt annehmen, dass das Verbot von Papiertüten auch in der nationalsozialistischen Ideologie begründet ist: »Nach Ansicht der Abteilung Presse und Propaganda in der Hauptabteilung 1 der Wirtschaftsgruppe [hatten sich] in der Vergangenheit die Verpackungsmittel nicht nur mengenmäßig, sondern auch qualitätsmäßig zu einem wahren Luxusgut entwickelt [...], dem jedoch jede Berechtigung fehle. Wo am Wert der eigentlichen Ware keine Veränderungen oder Verbesserungen mehr möglich waren, da sollte für den Wettbewerb die Verpackung, die Ausstattung den Ausschlag geben. Auch aus Wettbewerbsgründen schien es ungesund, wenn sich der Verbraucher fragen müsse, ob er nun für die oft minderwertige Ware oder für die häufig hochwertige Verpackung bezahlt hätte.«19

In der Unterscheidung der »eigentlichen Ware« von der uneigentlichen Verpackung wird der Gebrauchswert der Ware als manifester absolut gesetzt. Jeder andere Wert ist nicht wesentlich – so auch der der Verpackung, der mangels eines eigentlichen Gebrauchswertes »jede Berechtigung« abgesprochen wurde. Sie wird nicht wie bei Marx als Produkt innerhalb und für die Produktionssphäre begriffen, sondern als überflüssiger Luxus. Genauer formuliert: In der nationalsozialistischen Ideologie ist die Ware mit ihrem Gebrauchswert identisch; die Verpackung, die Tüte fügt sich dem als Fremdes von Außen hinzu. Die Transportmittel umschließen den Gebrauchswert wie der Tauschwert. Der Doppelcharakter der Waren wird in dieser Trennung so aufgeteilt, dass die im Kapitalismus übliche Naturalisierung ihres Fetischcharakters von der nationalsozialistischen Ideologie in eine biologisierende Personifikation umgedeutet wird: Die »schaffende Arbeit«, die Produktion des Gebrauchswerts der Ware ist »arisch«, während alle Formen des Finanzkapitals, die ganze Tauschwertsphäre als »raffendes Kapital«, als »jüdisch« erscheint, die Gebrauchswertsphäre wird »dem Arier«, die Tauschwertsphäre »den Juden« zugeordnet.20 Während die »schaffende Arbeit« Gebrauchswerte schafft, täuscht in dieser Logik die »hochwertige Verpackung« nur Werte vor, die »minderwertig« und »ungesund« sind.

Steckt in dieser Biologisierung die Denunziation der Juden als schädliches Ungeziefer, so erhält im Umkehrschluss auch die Verpackung und mit ihr die Tüte eine implizite Konnotation als parasitär und mithin jüdisch. Indem die Transportsphäre so der dem »raffenden Kapital« zugeordneten Tauschsphäre nahe gerückt wird, kann sie für die eigentliche Ware »ungesund« werden. Und vermengt sich dabei schon der antikapitalistische mit dem biologistischen Rasse-Antisemitismus, tritt ein drittes antisemitisches Element hinzu, wenn beklagt wird, dass eine hochwertige Verpackung die Minderwertigkeit einer Ware verbergen könne. Solche Motive der Täuschung, der Maskierung, der »jüdischen List« tauchen in der nationalsozialistischen Ideologie immer wieder auf: »Er [der Jude] kleidet sich in die Masken derer, die er betrügen will,«21 diagnostiziert 1930 der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels; der gelbe Stern, das in den Pass gestempelte J, die zwangsweise verordneten Vornamen Sara und Israel sollten nach den Nürnberger Rassegesetzen dafür sorgen, dass das minderwertige als eigentliches Wesen der als Juden einmal erkannten Menschen allen anderen Äusserlichkeiten zum Trotz stets sichtbar blieb.22 Derart markiert wurden sie zunächst aus dem öffentlichen, dann auch dem wirtschaftlichen Leben verdrängt; wer nicht auswandern konnte, wurde später in Ghettos zusammengetrieben, in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert und umgebracht. Die »Vernichtung durch Arbeit« reduzierte die Opfer dabei auf ihre Arbeitskraft, die im Nachhinein mehr oder weniger unproduktiv vergeudet erscheint; dass diese Tätigkeiten unterschiedslos als Strafen zu betrachten sind, steht ausser Frage. Und so ist es wenig überraschend, dass sich auch das Tütenkleben unter diesen erpressten Beschäftigungen findet, zu denen ab 1943 etwa Victor Klemperer genötigt wurde: Der als minderwertig angesehene Zwangsarbeiter produzierte die als minderwertig angesehenen Verpackungen.23

 

Unterscheiden

Jede Beschreibung, jede theoretische Bestimmung der Tüten muss sich gegen deren Abwertung stemmen. Die Tüte ist eine flüchtige Oberfläche, die auch wirbt. Darum ist sie aber nicht »ungesund«, sondern kann praktisch sein. Empfindliche Waren wie zum Beispiel die Schallplatte wurden erst durch die Tragetasche für die Konsumenten angemessen transportabel. Die zeitliche Nähe der ersten Verbreitung des Grammofons und der »Tragetasche Handfrei« Anfang des vergangenen Jahrhunderts verwundert kaum.24 Es handelt sich hier um keinen historischen Zufall, sondern um Begleiterscheinungen der Entstehung einer neuen Kultur, der Angestelltenkultur: »Hunderttausende von Angestellten bevölkern täglich die Straßen Berlins, und doch ist ihr Leben unbe­kannter als das der primitiven Volksstämme, deren Sitten die Angestellten in den Filmen bewundern«25, schreibt Siegfried Kracauer noch Ende der zwanziger Jahre. Sie stellen sich als neue Schicht von Arbeitnehmern dar, »Wegbereiter der Massengesellschaft, des Zeitalters des Massenkonsums«, die eine »ausgeprägte eigene soziale Identität«26 auszeichnet. Mit ihnen entstand überhaupt erst »Freizeit« – und dazu gehörte, dass sie nach ihrem Feierabend in der Stadt schnell noch einmal einkaufen konnten, ohne sich zuvor mit einem Gepäckstück zu belasten. Die Angestellten, denen die Unterscheidung von den Arbeitern ein zentrales Problem war, entwickelten viele kleine Methoden der Distinktion. Nachdem sie sich durch die »Kragenlinie«27 von den Arbeitern abgesetzt hatten, mußten sie ihren besseren Geschmacks durch die an den Tüten ablesbaren Orten des täglichen Einkaufs beweisen. Wer es sich heute leisten kann, in einem noblen Kaufhaus teure Lebensmittel zu erwerben, mag gelassen auf die KundInnen der billigen Supermärkte hinabsehen. Dass diese dann auch von den gehobenen Schichten zur Versorgung mit Grundnahrungsmitteln aufgesucht werden, gehört ebenso zu dieser Logik wie die selbstverständliche Wiederverwendung einmal erworbener prestigeträchtiger Tüten.

Die Plastiktüten haben in dieser Perspektive keine Neuerung, sondern die Vervielfältigung solcher Distinktionen erbracht. Aufgrund der verschiedenen Farbigkeiten wurden die Tragetaschen sichtbarer und damit auch die zur Schau gestellte Distinktion. Dieser Distinktion scheint die Serialität der Tüten, deren notwendige Massenfertigung zu widersprechen, die sie gleichwohl erst zum Medium macht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Zur Distinktion gehört die Massenproduktion, die erst die Identifikation Gleichgesinnter über eine Marke, ein Markenzeichen ermöglicht, das leicht wiedererkennbar ist. Deshalb kann die Serialität der Herstellung ihr Echo in der Serialität des Motivs auf der Tüte finden: Bei Ladenketten zeigt sich deren Reihung: Es gibt sie nicht nur einmal, sie bieten überall ihren besten Service an; betont wird die Absicht der schnellen Wiedererkennbarkeit. Die Werbung auf Plastiktüten muss im Vorbeigehen und für den zerstreuten Blick noch aus den Augenwinkeln erkennbar sein und ihre Träger identifizieren.

Gewiss ist dies Werbung, Reklame zum Zwecke der Massenbeeinflussung, zur Kaufsteuerung, und wie jede Banalität ist auch diese von sich antikapitalistisch gerierenden Mythen umgeben: Nur weil sie unterschwellig manipuliert würden, verfielen die KonsumentInnen der Werbung – und nicht, weil sie Bedürfnisse produziert und befriedigt. Mit dem Kommunikationsmaterial Plastiktüte wird der Konsum im Verbund mit vielen anderen Produkten – vom Billboard über den Aufkleber bis zum T-Shirt – zu einem Teil der Identität, zur positiven Bedingung der Existenz im postfordistischen Kapitalismus. Die Plastiktüte verheimlicht nichts. Wird sie mit in Kauf genommen, zeigt ihr Aufdruck, was sie enthält. In einer Aldi-Tüte werden Produkte aus dem Aldi-Markt getragen, in der Penny-Tüte Produkte aus einem Penny-Markt, in einer Tüte aus dem duty-free-shop, die Marlboro-Tabak abbildet, Marlboro-Tabak. Dass die Marlboro-Tabak-Tüten darüber hinaus auch dann für Marlboro-Tabak werben, wenn in ihnen eine Flasche Laphroaig oder eine Stange Senior Service transportiert wird, ändert nichts an diesem Prinzip: Das Bild zeigt hier eine Ware, die steuerfrei erworben wurde. Natürlich wirbt diese Redundanz für Marlboro-Tabak, aber gerade sie macht die Werbung alles andere als mysteriös oder unterschwellig. Sie springt geradezu in die Augen. Die Tüte wirbt für den Laden, der sie ausgibt, also für sich selbst und ihren Inhalt. Sie macht für den Kaufakt in diesem Laden Reklame, indem sie ihn schlicht bezeugt.

Dieses einfache zeugende wie überzeugende Prinzip erzeugte erst den modernen Einkauf. Nachdem in der BRD Anfang der sechziger Jahre das »Tragetaschen-Zeitalter« ausgerufen worden war28, konnte sich die Anzahl der Selbstbedienungsläden zwischen 1960 und 1969 vervierfachen: »Mit der Zeit entwickelte sich eine regelrechte Tütenkultur.«29 Durch sie ist eine neue Praxis des Einkaufens entstanden, die Fachleute im Jargon als »Impulskauf« bezeichnen: Hier sind die Tüten nicht mehr deswegen da, weil Waren gekauft werden, sondern die Waren werden gekauft, weil es Tüten für sie gibt.

 

Kaufen

Die Tüte erscheint den Konsumenten als Produkt, als Mittel, das ihnen den schnelleren und bequemeren Konsum anderer Produkte ermöglicht, nicht als Ware. Dieser im Alltag geläufige Eindruck wird durch den Aufdruck bestätigt. Abgabe und Anwendung der Tüten scheinen einem stillschweigenden Abkommen zwischen freien Personen zu folgen; der Preis, den die Konsumierenden dabei zahlen, wird nicht mit Geld beglichen, sondern durch die Werbung, die sie, ihre Einkäufe heimtragend, machen. In der Bundesrepublik Deutschland konnte, entgegen diesem Abkommen, als einem der ersten Staaten der Welt der Tütengroschen eingeführt werden. Warum? Es gab Kampagnen »gegen diese Verpackung«30. Anders als in den USA war das Ressentiment gegen die Tüte als etwas der »eigentlichen Ware« Fremdes noch ausreichend vorhanden, um die Ausgabe rechtfertigen zu können. Dieses Ressentiment ist zweifellos unbewusst zu nennen. Es wird nur in der Selbstverständlichkeit ahnbar, mit der die Überflüssigkeit der Tüte in Deutschland geläufig ist.

Der Preis für die Plastiktüten macht sie den Konsumenten zu einer Ware wie jede andere. Die paar Cent, die für die Tüten heute an den Kassen entrichtet werden müssen, verschaffen also nicht nur den Supermärkten einen kleinen Extragewinn – sie sind der symbolische und reale Preis für den Luxus der Gedankenlosigkeit, für die Beruhigung des schlechten Gewissens der Umwelt gegenüber, das schlechte Gewissen für die Selbstermächtigung zum »oberflächlichen Umgang mit den Dingen«31, das in Deutschland aus den genannten Gründen grassiert. In dieser Hinsicht wundert es nicht, dass es auch Deutschland ist, das mit dem »DER GRÜNE PUNKT« durch das Duale System Deutschland (DSD) eine Recyclingindustrie subventionierte, die es ermöglicht, das Material der Tüten bis zu 18-mal wiederzuverwenden.32 Seit 1992 findet sich deshalb auf vielen Plastiktüten DER GRÜNE PUNKT als Zeichen dafür, dass die Hersteller eine Verpackungsabgabe entrichtet haben: ein Zeichen, das die Wiederverwertung garantieren soll.

Obwohl also die Tüte unbestreitbar auch für die Konsumenten zu einer Ware geworden ist, für die sie anderen Waren gleich einen Preis bezahlen müssen, ist sie doch den anderen Waren nicht ebenbürtig, weil sie nicht als Ware erscheint. Ihr Einsatz bedeutete von Anfang an nicht nur die Ermöglichung einer gewissen Warenzirkulation, sondern auch deren Erhöhung. Der Warencharakter der Tüten realisiert sich also nicht im Gebrauchswert für den Kunden, sondern zu allererst in einem Gebrauchswert für die Supermärkte. Die Kunden kaufen nämlich mehr Waren ein, als sie ohne Tüten erwerben würden, weil sie dieses Mehr an Waren in den Tüten verstauen können. Als die heute überall verbreitete DKT-Tüte, die Doppel-Kraft-Tüte, deren geprüfte Tragkraft fünf Kilogramm betrug, 1975 von der Warenhauskette Karstadt in Zusammenarbeit mit der Firma LEMO aus Mondorf eingeführt wurde, ließ sich für die Kaufhäuser nachrechnen, dass aufgrund der neuartigen Tüte 21 Prozent mehr Waren von den Kunden eingekauft wurden, insbesondere solche, die – wie etwa Flaschen oder Konservendosen – zuvor nicht so bequem transportiert werden konnten. Die bis dahin verwendete Reiterband-Tasche hatte eine kleinere, weniger flexible Öffnung als die zudem stabilere DKT-Tüte.33 Den Kunden standen diese Tatsachen gewiss als subjektiver Vorteil, nicht aber als Gebrauchswert der Händler vor Augen, den sie durch ihren größeren Einkauf wieder und wieder realisieren. Damit hat sich der Gebrauchswert der PE-Tüten, der sich auf dem Weg vom Supermarkt oder dem Kaufhaus zur Wohnung des Konsumenten für diesen direkt realisiert, verdoppelt.

Ohne diese Verdoppelung des Gebrauchswerts gäbe es gar keine Plastiktüten. Denn die Plastiktüten müssen für den Händler einen Gebrauchswert haben, damit sie diese Ware in großer Zahl von der Verpackungsindustrie kaufen. Den Warencharakter der Plastiktüten allein aus dem Verhältnis zwischen Produzent und ersten Konsumenten, den Händlern, zu bestimmen, wäre ebenso reduktionistisch, wie diese Bestimmung im Alltag fehlt. Der Warencharakter der Plastiktüten enthüllt sich erst in diesem Doppelcharakter als Ware und Müll. Denn ihr Gebrauchswert hat sich für den Kunden ja in dem Moment erfüllt, in dem dieser die anderen Waren ausgepackt hat. Nun kann er die Tüten wie andere Verpackungen wegwerfen. Die Umnutzung als Mülleimertüte, die Wiederverwendung der Tüte für den nächsten Einkauf verlängern den Gebrauch der Tüte, ändern aber nichts an der grundsätzlichen Tatsache, dass die Tüte nach der Realisation des mehrfachen Gebrauchswertes wertlos ist und diese Wertlosigkeit sich erst realisiert, wenn die Tüte Müll transportiert und schließlich selbst Müll wird.

Der Warencharakter der Plastiktüten teilt sich somit in zwei Sphären auf: in die des Plastiktüten-Marktes, auf dem verschiedene Herstellerfirmen mit verschiedenen Plastiktüten-Modellen um preiswerte und doch brauchbare Lösungen wie in anderen Bereichen kapitalistischer Wirtschaft auch konkurrieren. Hier ist die Plastiktüte eine Ware unter anderen, mit einem Gebrauchswertversprechen für die Händler und dem Tauschwert für die Produzenten. Die Tüte verhält sich als Ware wie Jogurtbecher, Brühwürfel und Wischmobs. In der Sphäre der Supermärkte und Einzelhändler ist die Tüte wie durch einen Zauber keine Ware mehr wie alle anderen. Sie liegt unter der Kasse, als müsste sie versteckt werden, oder wird von den KassiererInnen auf Nachfrage persönlich ausgegeben. Ihr Preis ist nicht auf die Erzielung eines Gewinns ausgerichtet, sondern dient dazu, den Service, eine Tüte mitzugeben, wirtschaftlich zu machen.

 

 

Figuren jenseits der Warenästhetik – Umnutzungen der Tüte

 

Es entbehrt nicht der Ironie, dass die kommerzielle Tütenproduktion in ihren Anfängen selbst einen Umnutzungsprozess darstellte: Als 1853 in der Allendorfer Papierwarenfabrik Bodenheim & Co die ersten Tüten von Hand geklebt wurden, dienten aussortierte Akten als Rohstoff.34 So wohnt der Tüte ein Potential inne, das zu Verwendungen führen kann, die mit ihrem geplanten Zweck wenig oder nichts zu tun haben und ihn deshalb gleichzeitig reflektieren können. Die Umnutzungen erweitern dabei den Gebrauchswert der Tüte in einem Bereich, in dem ihr kein Tauschwert eignet; auch die ästhetischen Aspekte der Tüte haben hier vorderhand keine Bedeutung. Und doch gibt gerade dieser Bereich Aufschluss über die Frage, welcher Status der Ästhetisierung der Plastiktüte heute zukommt, indem sich hier jene Signale bemerken lassen, deren Bedeutung sich bestenfalls erst in Schemen abzeichnet.

 

Die Einkaufstasche

Das Material der meisten an den Kassen der Geschäfte ausgegebenen Einkaufstaschen ist zäh genug, um nicht nur den Transport eines Einkaufs zu ertragen – bis Löcher, Beulen und Risse ihre Tragfähigkeit gefährden, kann sie mehrfach wieder verwendet werden und stets für den gleichen Zweck. Damit realisiert sich auch ihr doppelter Gebrauchswert jedes Mal neu. Doch während er sich für die Einkaufenden stets gleich als Transporterleichterung darstellt, kann es für die Verkäufer zu Unstimmigkeiten kommen: Was die Einkaufstüte enthält, muss nicht notwendig in dem Laden erworben sein worden, dessen Logo sie außen ziert. Insbesondere aus kleineren Städten wird allerdings auch der umgekehrte Fall berichtet: dass KonsumentInnen sich nicht trauten, einen Laden zu betreten, weil sie schon mit der Plastiktüte der Konkurrenz unterwegs waren.

Die Umnutzung durch Weiterverwendung und die damit einhergehende fortgesetzte Werbung war übrigens eines der Argumente, mit denen die Tragetaschenhersteller schon um 1925 unter Händlern Kunden zu gewinnen versuchten.35 Heutzutage sprechen viele Tüten ihre Träger an und versuchen, mit kurzen Sätzen auf ihrem Boden gerade zu einem solchen Gebrauch anzuregen. Es klingt, als wetteiferten sie miteinander um die schönste Aufforderung:

»Ihr Beitrag zum Umweltschutz – Bitte die Tasche mehrfach verwenden«

»Diese Tragetasche ist aus Polyethylen und deshalb viel besser als ihr Ruf: Sie kann mehrmals verwendet werden«

»Für 1x viel zu schade – ein echtes Mehrwegbehältnis«

»Mehrfach verwendbare Tragetaschen sind ökologisch günstiger zu beurteilen als Papiertragetaschen«

 

Der Mülleimerbeutel

Wird die Tüte bei ihrem erneuten Einsatz für weitere Einkäufe noch mehr oder weniger zweckentsprechend genutzt, so stellt ihre Verwendung als Mülleimerbeutel eine erste naheliegende und deshalb massenweise auftretende Umnutzung dar. Heinz Schmidt-Bachem teilt in seiner Studie zur Geschichte der Tüten mit, dass schon 1965, vier Jahre nach einer vorsichtigen Einführung der im Verhältnis zur Papiertüte in der Herstellung teureren Plastiktüten, »die PE-Taschen bei den Kunden (vor allem als Mülleimerbeutel) [...] so beliebt waren, dass sie in unbeobachteten Augenblicken gleich bündelweise mitgenommen wurden«36. Dass die PE-Taschen als Mülltüten anzusehen waren, leuchtet unmittelbar ein: wasserundurchlässig, stabil und flexibel halten sie den Geruch der faulenden, verwesenden, verrottenden Teile des Mülls zurück und haben so einen unüberbietbaren Vorteil gegenüber den Papiertüten, deren Qualität Mitte der sechziger Jahre übrigens aufgrund eines großen Konkurrenzkampfs unter den Herstellern so sehr nachließ, dass sich die Plastiktüten ohne weiteres als die bessere Alternative durchsetzen konnten.37

Es versteht sich auch, warum die Verpackungsindustrie die »unbeobachteten Augenblicke« des Tütenklaus nicht unterbunden hat: Als Mülltüte nimmt die PE-Tasche die Verpackung der Waren in sich auf, die sie zuvor samt Inhalt transportierte. Die Verpackung der Waren war eine entscheidende Voraussetzung für deren Zirkulation im Supermarkt. Die Plastiktüte ermöglicht erst, diese einzeln verpackten Waren aus dem Supermarkt nach Hause zu tragen, wo sie, zur Mülltüte umgenutzt, die Verpackung der Waren ein zweites und letztes Mal verpackt. In dieser Rechnung gewinnt die Verpackungsindustrie zweimal und kann so erst expandieren, um seit den frühen Neunzigern die Zirkulation um eine weitere Drehung zu ergänzen und mit dem Der Grüne Punkt und dem DSD noch ein drittes Mal zu gewinnen, indem der Plastikmüll, die Plastikverpackungen und die Plastiktüten recycelt, und das heißt: zu Geld gemacht werden.

Die KonsumentInnen, im Glauben, sie entwendeten etwas in den Märkten und begingen im Umnutzen der Tüten zu Müll eine subversive Tat, die nur ihnen nützt, haben mit ihrem gesteigerten Bedürfnis nach PE-Taschen die Plastiktütenindustrie angekurbelt. Die Umnutzung zum Müll hat die Tüte durchgesetzt, und das begründet auch, warum sie schon 1971 als Umweltverschmutzerin Nr. 1 galt: Sie war von vornherein Müll.38 Dieser Mythos, der durch nichts bewiesen war, entstand auch aus dem schlechten Gewissen der Deutschen, für die jede genussvolle Aneignung für die eigenen Bedürfnisse – in diesem Falle Plastiktüten als Mülltüten mitzunehmen – bestraft gehört. Als eine solche Bestrafung ausblieb, musste die ganze Natur unter dem unrechten Tun leiden. Wenn sich die Plastiktüten in der Umnutzung vom Beginn ihrer Geschichte an als Müll entpuppen, dann ist das keine Ironie der Geschichte, sondern eine Allegorie für den fortgeschrittenen wie befriedeten Kapitalismus der BRD, der seinen wegwerfenden Charakter nicht mehr verbergen musste.

 

Die Berber

Die Plastiktüte ließe sich als legitimer Nachfolger der Gesindetruhen des neunzehnten Jahrhunderts verstehen. Reisten die Knechte mit ihren Truhen von einer Herrschaft zur anderen, ersetzt den Obdachlosen als urbanen und meist unfreiwilligen Nomaden die Plastiktüte Dach und Schrank. Bargen die Truhen die gesamten Habseligkeiten der Ausgebeuteten, so gilt dies für die Tüten des Ausgestoßenen. War die Gesindetruhe mit Verzierungen und holprig gereimten Sinnsprüchen bemalt – »In Müh und Arbeit bring ich mein Leben zu, hier kanns nicht anders sein im Himmel ist die ruh 1817«39 –, so werben die Plastiktüten mit Versprechungen von Waren, die den Obdachlosen nur in ihren utopischen Träumen zugänglich sind.

Die Plastiktüte des Berbers ließe sich als Verfallsprodukt des bürgerlichen Koffers verstehen. War der Koffer im Laufe seiner Geschichte zum Zeichen der Mobilität entwickelter kapitalistischer Gesellschaften geworden, bezeichnet die Plastiktüte die erzwungene Mobilität derer, die sich nicht mehr innerhalb der Zirkulationssphäre bewegen. Zynische Kulturpessimisten könnten in diesem Sinne von einem Verfall von der stabilen Truhe zur dünnen Polyäthylen-Haut der Tüte sprechen. Verändert haben sich aber nicht nur die Behältnisse, sondern auch die Bedürfnisse. Ein Knecht musste seine Habe nicht allzu oft von einem Schlafplatz zum nächsten befördern. Die jeden Sommer einmal verreisende großbürgerliche Familie ließ ihr nicht selten umfängliches, in großen Schrankkoffern verstautes Gepäck einmalig von ihrem Stadtwohnsitz in die oft weit entfernte Sommerresidenz transportieren. Ganz anders die Obdachlosen, die selten eine Nacht am selben Ort verbringen können. Wie der Einkaufswagen das zeitgemässe Vehikel, so ist die Plastiktüte der zeitgemäße Koffer für die niemals endende Reise der aus dem kapitalistischen Verwertungsprozeß Ausgeschlossenen: umsonst oder leicht erhältlich, belastbar, wasserdicht, geräumig und flexibel einsetzbar.

Niemand hat bei der Produktion der Plastiktüten an die Abdeckung dieses unökonomischen Bereichs gedacht. Die Obdachlosen realisieren einen Gebrauchswert der Tüten, den diese nie versprochen haben und doch – aufgrund ihrer stofflichen Struktur – ohne weiteres halten können. Es zählt gewiss zu den größten Mirakeln kapitalistischer Produktivität, diese Sinnhaftigkeit jenseits der eigenen Rationalität immer wieder bereitzustellen. Unwillentlich produziert sie exakt passende Lösungen für Bereiche, deren Probleme sie doch erst geschaffen hat.

Das Bild der Obdachlosen, die ihre in viele Plastiktüten verstaute Habe in einem Einkaufswagen Tag für Tag von einem Schlafplatz zum nächsten rollen, ließe sich als Parodie auf die Figur des Konsumenten verstehen. Sie kaufen nichts ein, ihre Habe sind keine Waren, ihre Tüten versprechen nichts als den Schutz des Wenigen, das ihnen blieb. Sind im Einkaufswagen die Versprechungen des autonomen Zugangs zu allen Waren gegeben, so erinnern die Einkaufswagen der Obdachlosen daran, wie nutzlos dieses Versprechen ist, wenn es nicht für alle gilt. Die Attraktivität der Plastiktüten, die mit ihren bunten Aufdrucken dieses Versprechen unzählige Male wiederholen, ist im Einkaufswagen der Obdachlosen zerschlissen. Die Werbung, die ihr ständiger Tütentransport noch immer bedeuten könnte, verhöhnt die Vorstellung, mit etwas so Nützlichem wie einer Plastiktüte zu werben.

 

Der Sarg

Erstaunlich geringen Effekt auf das Ansehen der Plastiktüten hat die Tatsache gehabt, dass sie als Todesbringerin fungieren kann. Ob sie dazu diente, andere oder sich selbst zu ersticken, ob sie für den kurzfristigen Transport von Leichenteilen oder deren Verstecken unter Büschen nützlich war, jedes Mal hat sie auch in diesem Bereich neue Praktiken ermöglicht. Ihre Dichtigkeit, ihre Fähigkeit, Gerüche abzuschirmen, ihre unauffällige Präsenz im Alltag, ihre Haltbarkeit und ihr nur langsames Verrotten erwiesen sich für solche Zwecke als ausgezeichnete Qualitäten. Es wäre voreilig, die mörderische kapitalistische Vergesellschaftung in solchen Praktiken realisiert zu sehen. Wie das Messer, das an die Pulsader gelegt wird, um diese aufzu­schlitzen, wie der Koffer, mit dem eine Leiche in einem Bahnhofsschließfach vorübergehend deponiert wird,40 ist die Plastiktüte samt ihrer Werbung an solchem Tun gänzlich unschuldig. Nur Böswillige würden eine in einer Supermarkt-Tüte verstaute Leiche als Allegorie der Waren lesen.

 

Die Maske

Die Tüte als Maske zu gebrauchen, ist eine ihrer naheliegendsten Umnutzungen – nicht zufällig wurden und werden kleine Löcher in manche Tüten gestanzt. Als Müllbeutel sind sie damit nur noch bedingt brauchbar, doch ist andererseits die Erstickungsgefahr für Kleinkinder weitgehend gebannt. Verliert sich der Reiz des Spiels bald, erfreut sich die Tüte als Maske in einem anderen Kontext ungebrochener Beliebtheit: Auf manchen Bekennervideos und -fotografien machen sich die Protagonisten mit Tüten unkenntlich. In diesem Zusammenhang lässt sich kaum eine konsequentere Umnutzung vorstellen als jene, die sich am 25. Februar 2002 im steirischen Knittelfeld zutrug: »Rund 20 Minuten vor Geschäftsschluss herrschte in dem Billa-Geschäft in der [...] Herrengasse kaum noch Betrieb. Kassiererin Waltraud Labner (42) verließ deshalb ihre Kasse, füllte rund zehn Meter davon entfernt ein Regal mit Flaschen auf. Sie hielt gerade eine Plastikkiste in der Hand, als plötzlich ein maskierter Mann das Geschäft betrat. Er hatte sich ein Billa-Sackerl mit Sehschlitzen über das Gesicht gezogen, hielt ein rund 30 Zentimeter langes Küchenmesser in der Hand. Damit wollte er laut Gendarmerie auf die Kassierin einstechen. Doch diese konnte den Angriff zum Glück mit der Getränkekiste abwehren. ›Gib die Kassa her. Sofort!‹, herrschte der Räuber die 42-jährige Obersteirerin an. Bevor die Situation noch weiter eskalieren konnte, griff zum Glück ein Kunde ein. Der Mann hatte kaum das Geschäft betreten, als ihm der bewaffnete Mann in der Nähe der Kassa auffiel. Im selben Moment hörte er auch schon die Schreie der Kassierin, worauf er ihr sofort zu Hilfe kam. ›Scheiße‹, war das einzige Wort, das der unbekannte Täter noch von sich gab. Noch bevor der Kunde eingreifen konnte, stürmte er ohne Beute aus dem Supermarkt, rannte in Richtung Hauptplatz davon. Dort verlor sich seine Spur.«41 Indem sich der Räuber das leere Sackerl mit der Öffnung nach unten über das Gesicht zog, stellte er auch die gebräuchlichen Praxen des Kaufs auf den Kopf: Was er nach Hause tragen wollte, waren keine Lebensmittel, sondern Geld – Geld, das er später womöglich im gleichen Supermarkt wieder ausgegeben hätte.

 

Die SammlerInnen

Nur wenige Gegenstände sind geeignet, in Plastiktüten archiviert zu werden – und dennoch werden sie zuweilen genutzt, um etwa Comics zu sammeln und zu sortieren. Doch für Papier sind die PE-Taschen zu luftundurchlässig, für andere Objekte zu blickdicht, und so zeigen sie die Armut der Sammler, die Armseligkeit ihrer Sammlung an. Wer in Plastiktüten sammelt, kann sich nichts besseres leisten.

Wer aber die Plastiktüten selbst sammelt, befreit sie von jenem Gebrauchswert, der noch in der fernliegendsten Umnutzung gesucht und entdeckt wird. Transformiert zu Objekten werden sie zusammengetragen und formulieren Stück um Stück eine Geschichte des Flüchtigen, in der das Schicksal des Gesammelten selbst erfahrbar wird. Den Plastiktüten-SammlerInnen ist die Stadt anders geordnet als deren BewohnerInnen. Straßennamen, Verbindungen, Wohnorte interessieren sie nicht. Ihnen sind die Straßen Flure einer Galerie, in der die Menschen achtlos oder bezaubernd lässig die wertlosen und darin bedeutenden Sammlerobjekte zur Schau tragen.

Wie bei allen Sammlungen wirkt hier ein seltsamer Fetischismus, den nicht nur Motiv, sondern auch alle sachlichen Daten, die ganze Vergangenheit der Plastiktüten interessiert. Erst die SammlerInnen können eine Sinus-Tragetasche von einer Lemo-Reiterband-Tasche oder einem Polymatador-Beutel unterscheiden, und wie ÖnologInnen den Wein an Farbe, Geruch und Geschmack erkennen, vermögen sie die Tüten nach Material und Design zu kategorisieren. Dieses Wissen, das so vielfältig und überflüssig ist wie nun die gesammelten Objekte selbst, erlaubt den SammlerInnen die Bedeutung der ersten maschinengeklebten Spitztüte, die Unbeholfenheiten der frühen Plastikbeutel und die graphischen Finessen einer Kaufhaussonderedition kompetent erörtern. Doch in der Sinnlosigkeit der Debatten wie der Sammlungen ist gleichzeitig ein emanzipatorisches Element geborgen. Die von ihnen akkumulierte Erkenntnis zeigt auch, dass die Plastiktüten als Plastik nicht »gänzlich in ihrem Gebrauch«42 aufgehen, wie Roland Barthes behauptet. Die Sammlung von Plastiktüten erlaubt den Genuss des Sinnlosen: Jenseits der Dialektik von Gebrauchs- und Tauschwert genießt der Sammler die Künstlichkeit der flexiblen Oberfläche, den Genuss selbst, und erinnert an andere, noch nicht realisierte Ökonomien jenseits kapitalistischer Vergesellschaftung.

Solange diese anderen Ökonomien ihrer Verwirklichung harren, bleibt die Lektüre der produzierten und gesammelten Tüten. Doch wie ist eine solche Lektüre der Tüten angesichts des in überbordender Fülle vorhandenen Materials noch zu gewährleisten? Heinz Schmidt-Bachem, mit einer Sammlung von mehr als 150.000 Tüten sicher der Doyen der TütensammlerInnen, hat diese Frage weitsichtig beantwortet. Mit der Materie vertraut wie kein zweiter sah er sich vor einiger Zeit gezwungen, einen Teil des Bestandes abzustossen, nachdem ihm auch nach dem verkündeten Abschluß seiner Sammlung bis heute unverlangt und massenhaft Plastiktüten zugeschickt werden; nur einen geringen Teil hielt er einer zukünftigen Hermeneutik für würdig. Zu Müll erklärt traten zwei Lastwagen voll mit Plastiktüten dagegen jenen Weg an, der ihnen von vornherein bestimmt war;43 und einem untergehenden Schiffe gleich zeigten sie verschwindend eines jener geheimen Flaggensignale, von denen Walter Benjamin wusste.

 

 

Anmerkungen

1               Anonymes Flugblatt; Hamburg, Dezember 1992. Schreibung wie im Original.

2               Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1983, S. 112. Die Analogie zwischen Verpackung und Mode findet sich auch andernorts: »Die Verpackung ist das Kleid der Ware«, heißt es etwa im Katalog der Wanderschau Besser Verpacken; vgl. Fritz Weidinger, Erich Ketzler, Wanderschau »Besser verpacken«, Ausstellungskatalog, o. O. [Wien], o. J. [1956], ohne Paginierung.

3               Solange es verpackt ist, bleibt ein Produkt warenförmig – weswegen es nur bei ernsthaften qualitativen Beanstandungen möglich ist, ausgepackte und damit potentiell benutzte Waren umzutauschen.

4               Ole Frahm, Friedrich Tietjen, »DER GRÜNE PUNKT«, in: glas'z, Nr. 2, Hamburg 1993, S. 23–26, hier: S. 26. Schreibung wie im Original.

5               Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik, Frankfurt 51976, S. 16f.; vgl. auch ders., Warenästhetik und kapitalistische Massenkultur I, Berlin 1980, S. 47.

6               Benjamin, wie Anm. 2, S. 236. Die Tüte findet sich abgebildet bei Heinz Schmidt-Bachem, Tüten, Beutel, Tragetaschen. Zur Geschichte der Papier, Pappe und Folien verarbeitenden Industrie in Deutschland, Münster/New York/München/Berlin 2001, S. 237, Abb. 26.

7               Im Gegensatz dazu hat das in der Tütenherstellung konkurrierende Material Papier einen erheblich engeren Verwendungshorizont. – Den Übergang von nicht- zu vollsynthetischen Kunststoffen markieren dabei Materialien wie gehärtetes Gummi (Ebonit) und Zelluloid, die etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verarbeitet wurden. Der erste vollsynthetische Kunststoff war das Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte Bakelit. Zur Verwendungsvielfalt des Plastik vgl. z. B. Sabine Weißler (Hrsg.), Plastik Welten, Berlin 1985; Penny Sparke (Hrsg.), The Plastics Age. Frome Bakelite to Beanbags and Beyond, Woodstock/New York 1993; Jeffrey L. Meikle, American Plastic. A Cultural History, New Brunswick/New Jersey 1995.

8               Hans Schwippert, Darmstädter Gespräch: Mensch und Technik, Darmstadt 1952, S. 84f.; Schreibung wie im Original.

9               Zwei Jahre zuvor hatte Warhol zusammen mit anderen Künstlern der Pop Art für die Rückkopplung der Kunst- mit der Konsumwelt gesorgt: »Die New Yorker Bianchini Gallery [wurde] umgebaut, um mit einem Drehkreuz am Eingang und einer Ladenkasse am Ausgang zum American Supermarket zu mutieren. Kunst und Ware wurden dabei auf das verwirrendste verquickt: Robert Watts hatte Eier verchromt, Claes Oldenburg bot neue Süssigkeiten an, und Andy Warhol hatte [...] ein eindrucksvolles Display aus handsignierten Campbell's Suppendosen aufgebaut.« (Friedrich Tietjen, »The Making of: Multiple«, in: Peter Weibel (Hrsg.), Kunst ohne Unikat, Köln 1999, S. 81–88, hier S. 87). Warhol zeichnete auch für die bedruckten Einkaufstüten verantwortlich – die waren dieses Mal allerdings aus Papier.

10            Die rationalisierenden Effekte der Einzelverpackung berühren noch weitere Felder des Konsums:

- Reduktion des Warenverderbs: »Ersatz der bisher üblichen Pergamentverpackung durch eine Aluminiumfolie verhindert die Bildung eines ranzigen und unverwertbaren Randes bei der Lagerbutter. Bei fünfmonatiger Lagerung entsteht bei der Pergamentverpackung ein 2 bis 3,5 cm tiefer Rand. Pro Butterfass bedeutet dies einen Verlust von 0,5 bis 0,9 kg Butter und bei 100.000 Fässern im Jahr durchschnittlich 70 t Butter [...]. In Westdeutschland wurden im Vorjahr durch die Aluminium-Folie 110 t Butter vor dem Verderben geschützt, die einen Wert von rund 600.000 DM ausmachen.«

- Beschleunigung des Verkaufsvorganges: »Für das Wiegen und Verpacken loser Lebensmittel benötigt ein Verkäufer durchschnittlich 27,2 Sek., für die Entnahme der vorverpackten Ware vom Regal 3,3 Sek., der gesamte Verkaufsvorgang dauert bei unverpackter Ware 60 Sek., bei vorverpackter Ware 37 Sek., also fast die halbe Zeit. [...] Durch das Messen, Wiegen, Einpacken, Informieren und Kassieren bei unverpackten Waren bleibt dem Verkäufer nur etwa 15 Prozent der Arbeitszeit für seine eigentliche Tätigkeit, das Verkaufen.«

- Erleichterung des Konsums: »Eine Konservendose mit einer Mahlzeit für zwei Personen stellt zweifellos eine verbrauchsgerechte Verpackung dar. [...] Musterbeispiele einer verbrauchsgerechten Verpackung sind aber auch der Teebeutel und die Zündholzschachtel, die schon jahrezehntelang in der gleichen Form hergestellt wird und durch nichts Besseres ersetzt werden konnte.«

Aus: Weidinger/Ketzler, wie Anm. 2.

11            Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Zweiter Band: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals. Hrsg. von Friedrich Engels, Berlin 291989, S. 153; vgl. auch ders., Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf), Berlin 21974, S. 423: »Das Kapital treibt seiner Natur nach über jede räumliche Schranke hinaus.«

12            Nicht zufällig sind die ersten halbsynthetischen/technisch hergestellten Lebensmittel wie etwa Liebigs Fleischextrakt nicht lose, sondern in abgewogenen und mit Markenzeichen versehenen Packungen in den Handel gekommen.

13            Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 40f. Billiger waren die Lehrlinge, weil sie nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz konkret Lehrgeld zahlen mussten.

14            Ebd., Kapitel 8.

15            Ebd., S. 140ff.

16            Ebd., S. 144.

17            Ebd., S. 173f.

18            Ebd., S. 195.

19            Ebd., S. 168. Für die unschätzbare Unterstützung bei der Auswertung danken wir Torsten Michaelsen.

20            Vgl. zu dieser Analyse Moishe Postone, »Anti-Semitism and National Socialism. Notes on the German Reaction to ›Holocaust‹«, in: New German Critique, Nr. 19, Winter 1980, S. 97–115, hier S. 110 f.; zur Unterscheidung von »schaffender Arbeit« und »raffendem Kapital« besonders Holger Schatz, Andrea Woelicke, Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion, Hamburg/Münster 2001, S. 87f.

21            Das Zitat ist der Broschüre Joseph Goebbels/Mjoelnir [Hans Schweitzer], Die verfluchten Hakenkreuzler. Etwas zum Nachdenken, München 1930, S. 16 entnommen und wird von einer aufschlußreichen Karikatur illustriert. Zur Karikatur und der antisemitischen Vorstellung des maskierten Juden vgl. Hanno Loewy, »› ... ohne Masken‹ – Juden im Visier der ›Deutschen Fotografie‹ 1933-1945«, in: Klaus Honnef, Rolf Sachsse, Karin Thomas (Hrsg.), Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums, Köln 1997, S. 135–149, hier S. 136f., und Ole Frahm, Das weiße M – Zur Genealogie von MAUS(CHWITZ). In: Fritz Bauer Institut (Hg.), Überlebt und unterwegs. Jüdische Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland (Jahrbuch 1997 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust). Frankfurt am Main/New York 1997, S. 303–340, bes.  S. 329f.

22            Vgl. Saul Friedländer, »Der Erlösungsantisemitismus«, in: ders., Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939, München 2000, S. 276.

23            Vgl. Victor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen, Leipzig 61980, S. 101.

24            Vgl. Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 191.

25            Siegfried Kracauer, Die Angestellten, Frankfurt am Main 1971, S. 11.

26            Reinhard Spree, »Angestellte als Modernisierungsagenten«, in: Jürgen Kocka (Hrgg.), Angestellte im europäischen Vergleich, Göttingen 1981, S. 279–309, hier S. 290.

27            Mario König, Hannes Siegrist, Rudolf Vetterli, Warten und Aufrücken. Die Angestellten in der Schweiz 1870-1950, Zürich 1985, S. 14ff.

28            Vgl. Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 198.

29            Weißler, wie Anm. 7, S. 53.          

30            Schmidt Bachem, wie Anm. 6, S. 241; vgl. auch die Seiten 242 und 247. Bei der Einführung des Tütengroschens wurde der »Wettbewerb der tausend Tüten« ausgelobt (ebd., S. 246).

31            Weißler, wie Anm. 7, S. 53.

32            »Warum unsere Tüten aus Plastik sind: Weil sie aus 100% Prozent recyceltem Plastik gemacht sind. Wir haben uns belehren lassen, dass Tragetaschen aus 100% Recyclingmaterial mindestens 18-mal recycelbar sind, Papier höchstens 6-mal. [...] Angesichts des riesigen Berges an Plastikmüll [...] erscheint uns die Wiederverwertung des Rohstoffs für Tragetaschen als vernünftige Alternative. Bis uns wieder jemand eines Besseren belehrt«, schreibt der Buchversand Zweitausendeins auf den Boden ihrer Tüten (»Tüte Copyright © 2001 by Zweitausendeins«). Noch 1991 war von dieser Kapitalisierung des Mülls wenig zu ahnen; vgl. Volker Grassmuck, Christian Unverzagt, Das Müll-System, Frankfurt am Main 1991, S. 108ff. und S. 145f., die zwar das »Müll-System« analysieren, aber vom DSD, dem Dualen System Deutschlands, das dieses System durch den DER GRÜNE PUNKT vollkommen verändert, noch nichts ahnen; vgl. dazu Frahm/Tietjen, wie Anm. 4 und 23, außerdem dies., »Der Grüne Punkt (Teil 2)«, in: glas'z, Nr. 3, Hamburg 1994, S. 28–31, und dies., »Der Grüne Punkt (Teil 3)«, in: glas'z, Nr. 4, Hamburg 1995, S. 24–26. Das Zeichen mit den drei Pfeilen im Dreieck und der Ziffer Vier gibt die Plastiksorte Polyethylen an.

33            Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 240.

34            Vgl. Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 55f.

35            Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 193.

36            Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 208; PE ist das übliche Akronym für den Kunststoff Polyethylen.

37            Im Zuge seiner anhaltenden Propagierung als umweltschonendes Material werden heute allerdings auch Hausmülltüten aus Papier angeboten (in Österreich z. B. von der Firma Alufix).

38            Heinz Schmidt-Bachem, Von Düten und Plastiktüten. Studien zur Geschichte der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Papier und Folien verarbeitenden Industrie zur Herstellung von Tüten, Beuteln, Tragetaschen, Dissertation, Hamburg 2000, S. 250. Vgl. außerdem Schmidt-Bachem, wie Anm. 6, S. 236f.

39            Vgl. zur Gesindetruhe und zum bürgerlichen Koffer: Anndra Mihm, Packend … eine Kulturgeschichte des Reisekoffers, Marburg 2001, bes. S. 12–20 und S. 36ff. Mihm erwähnt in ihrer Kulturgeschichte des Reisekoffers die Tüte nicht, sondern leitet diesen allein aus der Truhe her.

40            Vgl. zu Morden unter Verwendung von Koffern: Peter Hiess, Christian Lunzer, Mord Express. Die grössten Verbrechen in der Geschichte der Eisenbahn, Wien/München 2000, bes. S. 114ff.

41            Daniele Marcher, »Kassiererin wehrte Messerstich ab«, in: Kleine Zeitung, S. 15, Graz, 27.2.2002.

42            Roland Barthes, Mythen des Alltags, Frankfurt am Main 121988, S. 81.

43            Ohne Autor und Jahr unter dem Titel »Die Welt der Tüten« unter der Adresse http://www.ueber30.de/texte_news/news/n_150120013.html im Internet (3/2002).