Samuel Herzog

«Stopp», brüllt Mister Dob

Takashi Murakami in der Pariser Fondation Cartier (2002)

Wollen wir den Analytikern unserer Seele glauben, dann tun auch wir das ohne Unterlass: Wir stehen dem Dämon in uns auf der Zunge, heben die Hand und brüllen: «Stopp!» Gerade so wie Mister Dob, der in diesem Bild ganz offensichtlich seinen Aggressionstrieb zur Vernunft bringen will - einen übel gelaunten Doppelgänger, der böse die Zähne fletscht. Mr. Dob ist eine Erfindung von Takashi Murakami (geb. 1962), der zu den Stars der japanischen Neo-Pop-Szene gehört und derzeit in der noblen Pariser Fondation Cartier mit einer umfangreichen Ausstellung geehrt wird. Das Vorbild von Mister Dob soll ein Manga aus den siebziger Jahren sein, doch unübersehbar hat auch Mickey Mouse hier in die Gen-Suppe gespuckt.

Im Unterschied zu Mickey, der als Amerikaner natürlich ein durchwegs braver Mause-Boy zu sein hat und allenfalls gelegentlich vom Zorn der Gerechten geschüttelt werden darf, ist Mister Dob als Figur von Grund auf ambivalent: Er ist «kawaii», was so viel bedeutet wie süss oder putzig. Er tritt in den Bildern und Plastiken von Murakami aber auch als dämonische Fratze auf, der gelegentlich gar die Gedärme erlegter Widersacher aus dem Rachen zu hängen scheinen. Wie bei allen Werken von Murakami war es auch hier eine ganze Equipe, die das Bild in minuziöser Farbarbeit hat entstehen lassen. Die Oberfläche ist perfekt, selbst bei wandfüllenden Gemälden ist jeder Millimeter ein Wunder an Präzision.

«Homage to Francis Bacon» heisst das Werk - womit noch einmal angedeutet wäre, dass es hier wohl um die kleinen Widersprüche in unserem Triebhaushalt geht. Im Unterschied zu Bacon allerdings, der dem Menschen in seinen Bildern doch wenigstens ein komplexes Leiden zugestanden hat, wohnen bei dem armen Mister Dob nur gerade ach zwei Seelen in der nach dem Kindchenschema gerundeten Brust. Dass hier die Unterscheidung zwischen Populärkultur und Kunst überwunden werden soll, liegt auf der Hand oder eher noch auf der Strasse. Doch was haben wir davon, wenn die Schutzzone Kunst für Produktionen in Anspruch genommen wird, die kaum komplexer oder differenzierter sind als das, was ausserhalb dieser geschützten Werkstatt produziert wird? Aber vielleicht hat Murakami ja Recht, vielleicht ist unsere Psyche eigentlich tatsächlich so simpel und dekorativ, wie sie in seinen Werken zur Darstellung kommt - wenn sich das bewahrheiten sollte, dann werden wir allerdings wohl eingehen vor Langeweile an uns selbst.


Takashi Murakami - Kaikai Kiki. Fondation Cartier pour l'art contemporain, Paris. Bis 27. Oktober. Katalog _30.-.



erschienen in NZZ, FEUILLETON, 22. August 2002