Samuel Herzog

Unheiliger Ernst

Urs Lüthi im Genfer Musée Rath (2002)

Guter Rat kommt hier mitunter auf dem Luftweg daher. «Live slowly», steht da auf einem weissen Frisbee geschrieben. «Act for one hour like your opposite sex», heisst es auf einer roten Scheibe oder poetischer auf Blau: «Sit by the seaside and feel like being a wave.» Manchmal sind diese Flugkörper zu Stapel-Skulpturen arrangiert, dann wieder hängen sie wie Bilder an der Wand.

«Art for a better life», heisst seit einiger Zeit das Generalmotto von Urs Lüthi (1947). Vor Jahresfrist hat er den Schweizer Pavillon auf der Biennale von Venedig mit seinen «Placebos & Surrogates», «Trademarks», «Therapies» und «Low Action Games» gefüllt. Jetzt zeigt er im Genfer Musée Rath seine «Kunst für ein besseres Leben», ergänzt durch ältere Arbeitsgruppen wie die «Serie der grossen Gefühle», die «Serie der universellen Ordnung» oder die ganz frühen Selbstporträts etwa als «Numbergirl» (1973) oder als «Champion» (1976).

Grosse Gefühle

Schon mit seinen frühesten Werken evoziert der Künstler grosse Gefühle: 1970 etwa photographiert er sich mit Tränen in den Augen und schreibt darunter: «Lüthi weint auch für Sie». Zwei Jahre später lautet die Botschaft unter einem andern Selbstporträt: «This is the first day of the rest of your life.» 1980 ist der Künstler als «Reisender in Sachen Liebe» unterwegs, und in den neunziger Jahren macht er aus seinem unterdessen kahl gewordenen Schädel eine «Trademark», die nun viele seiner Empfehlungen für ein besseres Leben begleitet. - Lüthis Ratschläge erinnern zwar oft an die flotten Sprüche, mit denen uns die Werbung in den letzten Jahren immer wieder mal geködert hat. Trotzdem aber evozieren sie auch philosophische Tiefe oder regen gar zu durchaus interessanten Gedankenexperimenten an - etwa wenn er uns in einem seiner «Exercises» empfiehlt: «Imagine yourself as a tourist in your usual environment.»

Das leichte Unbehagen, das einen in Lüthis Ausstellungen erfasst, rührt denn auch weniger von den Sprüchen selbst her: Es sind die aalglatte, oft an Markenartikel erinnernde Inszenierung und vor allem das Überangebot an sinnstiftenden Sprüchen, die uns am Ernst der Sache zweifeln lassen. In ironischer Weise nehme Lüthi, so heisst es oft, die Heils- und Glückserwartungen des Publikums an die Kunst auf, um sie letztlich ad absurdum zu führen und den Betrachter so auf seine eigenen Wünsche zurückzustossen. Aber hat das Publikum heute überhaupt noch Heilserwartungen an die Kunst? Sind wir nicht längst viel zu skeptisch geworden?

Heilserwartungen

Wir sind es. Zumindest deutet die artistische Produktion der letzten zehn Jahre darauf hin, dass wir von der Kunst längst keine Heilung und kein Glück mehr erwarten, sondern eher Information, Aufklärung, Unterhaltung. Warum wir die Kunst aus der existenziellen Sinnpflicht entlassen mussten, illustriert das Beispiel von Joseph Beuys. Beuys war überzeugt, dass sich der Mensch im kreativen Akt von seinen persönlichen Konventionen lösen und das eigentlich Eigene einkreisen oder auch gestalten kann. Seine Kunst zielte darauf ab, verborgene Möglichkeiten und verschüttete Emotionen zu entdecken, dem ei-genen Selbst so näher zu kommen. Und das hat ja wohl tatsächlich mit Heilung zu tun.

Das Problem besteht nun aber darin, dass eine Arbeit wie die von Beuys vorrangig eine Arbeit an der eigenen Person ist. Der Künstler selbst und das, was er erlebt, wird zum Hauptwerk - was er ausserdem etwa an Materiellem erschafft, ist bloss ein Nebenprodukt, in dem sich allenfalls Spuren oder vielmehr Zeugnisse seines Erlebens finden lassen. Das Publikum kann sich von solchen Nebenprodukten der künstlerischen Arbeit zwar anrühren lassen - es wird aber vor allem an das erinnert, was es eben nicht erlebt hat. Beuys hat dieses Dilemma erkannt und es dadurch zu lösen versucht, dass er schlicht erklärte: «Jeder ist ein Künstler.» Er hatte nämlich verstanden, dass sich das Wichtigste seiner Arbeit nicht durch irgendwelche Werke vermitteln liess, dass man dieses auch nicht begreifen, sondern nur selbst, am eigenen Leib erleben konnte. «Jeder ist ein Künstler» heisst: Jeder hat im Prinzip die Möglichkeit, sich wie Beuys durch kreative Arbeit von den individuellen Konventionen zu lösen.

Diese Erweiterung des Kunstbegriffs hätte das Ende aller hierarchischen Verhältnisse zwischen Künstlern, Vermittlern und Publikum bedeutet. Deshalb wohl versuchte die Theorie etwa im Rahmen zahlloser Symposien, Beuys' Kunst aus dem Bereich des Erlebens in jenen des Begreifens zu verschieben, über den sie die intellektuelle Hoheit beanspruchen konnte. Mit Erfolg, denn die Kunstdiskurse seit den achtziger Jahren belegen, dass sich die Heilserwartung längst von der Kunst weg zur Theorie verschoben hat. Eine Machtübernahme also, auf welche die Kunst eigentlich nur mit Ironie im Stile Lüthis reagieren kann. Ironie aber schliesst den Ernst einer Sache nicht grundsätzlich aus: Und so liegt es denn an uns zu entscheiden, wie wir den Frisbee mit der Aufschrift «Change your life once a day» fangen wollen.


Urs Lüthi - Art is the better life. Musée Rath, Genf. Bis 1. September 2002. Katalog Fr. 50.-.



erschienen in NZZ, FEUILLETON, 29. Juli 2002